Am 66. Jahrestag der Bombardierung Dresdens stehen die Menschen dicht beieinander

Kurz vor 13 Uhr treffe ich auf dem Rathausplatz ein. Hier sind schon recht viele Menschen versammelt, die alle auf das noch leere Rednerpult starren, wo gleich Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel reden wird. Trotz der kalten Temperaturen schafft es Sittel, die Zuhörer zu berühren. Vor einem Jahr sprach hier Oberbürgermeisterin Helma Orosz von Toleranz und einem weltoffenen Dresden, von der Vergangenheit und der Gegenwart. "Dresden will die Nazis nicht", dass war die deutlichste Botschaft, die mit viel Applaus begleitet wurde. Sittel spricht auch von der Vergangenheit, fordert jedoch die Bürger ganz konkret auf, tätig zu werden. Am 19. Februar gilt es ein Zeichen zu setzen, da die Rechten demonstrieren wollen. Man solle an Mahnwachen teil nehmen und sich gegen rechts engagieren. Danach geht es an die Bildung der "Menschenkette". In Presse und Rundfunk wurde, wie schon vor einem Jahr, aufgerufen, den extremistischen Aufmärschen friedlich die Stirn zu bieten und ein Zeichen zu setzen. Trotz Kälte und eisigem Wind bildete sich sofort vom Rathaus ausgehend die Kette. In Windeseile war man am  Altmarkt. Was vor einem Jahr nur als kleine Kette geplant war wurde dieses Mal als Ring angedacht. Dabei sollten die „Schlüsselstellen“ Synagoge und Altmarkt mit einbezogen werden. Wie auch letztes Jahr gilt die Devise: Es sind mehr Menschen gekommen, als zunächst geplant. Das stört keinen der Anwesenden - die Kette geht weiter. Zwar müssen Straßen und Bahnschienen zunächst noch für den Verkehr frei gehalten werden, doch das sorgt nicht für Unmut. Viele warten über eine halbe Stunde bei Schnee und Nässe, es zieht, die Hände werden trotz Handschuhe kalt und die Füße spürt man kaum noch. Trotzdem denkt keiner hier daran, früher zu gehen. Endlich fangen die Glocken an zu läuten und es kehrt Stille ein. Die Menschen fassen sich an den Händen, wildfremde Menschen stehen nebeneinander und gedenken zusammen. Jeder in der Kette, und fror er auch noch so stark, war sich sicher, in diesen Minuten Teil eines Ganzen zu sein und ein Zeichen zu setzen. Selbst durch die Kabinen der Straßenbahnen läuft die Kette. Die Innenstadt wurde komplett eingeschlossen, die Kette verlief von Rathaus über Synagoge, Terrassenufer, Frauenkirche, Altmarkt und wieder zum Rathaus. Die Dresdner "schließen" ihre Innenstadt ein - hier ist kein Platz für Nazis. Hier stehen wir! Selbst am Königsufer und auf den Brücken stehen Menschen – 17 000 sollen es gewesen sein. Während des Läutens kommen noch weitere Menschen und die Kette bekommt "Beulen" - am Ende ähnelt sie mehr einer "Schlangenlinie". Viele hatten an diesem Tag die Weiße Rose am Revers, ein Zeichen des Friedens. Wer keine Plastikrose hatte, besorgte sich echte oder knüllte ein weißes Taschentuch dekorativ zusammen - sieht doch von weitem fast wie eine weiße Rose aus. Natürlich war es schade, dass Oberbürgermeisterin Helma Orosz die Rede nicht gehalten hat und nicht teil nehmen konnte, zumal sie auf den Werbeplakaten abgebildet ist. Aber die Gesundheit geht immer vor. Was bleibt vom 66. Jahrestag des Bombenangriffs? Tolle Momente, Besinnung und deutliche Zeichen gegen Intoleranz und für ein weltoffenes Dresden!
anja am 14.02.2011 bisher ein Kommentar

Ein Kommentar zu diesem Beitrag

  1. stefan   15.02.2011

    schön zusammengefasst. bin gespannt, wohin sich das in ein paar jahren entwickelt hat. ob vielleicht gleich eine größere kette geplant ist oder vielleicht sogar verzweigungen.

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