Dresden hat “Passion”!

Die Deutsche Erstaufführung „Passion“ in Dresden sorgt für überschwängliches Lob und ein volles Haus in der Dresdner Staatsoperette. Die Musik und die Liedtexte stammen von Stephen Sondheim, der für Musicalfans kein unbeschriebenes Blatt ist, stammt doch der Welterfolg „West Side Story“ aus seiner Feder. Wenn dann noch die bekannten Schauspielerinnen  Maike Switzer und Vasiliki Roussi die Hauptrollen übernehmen, kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen! und Das Musical beruht übrigens auf einem Buch („Fosca“ von Iginio Ugo Tarchetti) und wurde zudem verfilmt („Passione d’amore“ mit Jean Louis Trintignant). Außerdem ist Stephen Sondheim letztes Jahr 80 Jahre alt geworden, weshalb das Stück nochmals am Londoner West End aufgeführt wurde. Nun geht die Geschichte also in Dresden weiter. Doch zunächst einmal muss berichtet werden, worum es überhaupt geht: Hauptmann Giorgio (Marcus Günzel) und seine (allerdings verheiratete!) Geliebte Clara (Maike Switzer) liegen nackt im Bett, singen und schwören sich ewige Liebe, zumal er ihr eröffnet, er werde in wenigen Tagen zum Militär in die Provinz berufen. Fortan hegen beide eine leidenschaftliche Briefbeziehung, schreiben sich auf gelbem Papier und vermissen sich unendlich. Bei der Armee begegnet Giorgio Fosca (italienisch für dunkel!), einer älteren Frau, nicht gerade eine Schönheit, die obendrein noch krank ist, obwohl keiner weiß, was ihr wirklich fehlt. Fosca (Vasiliki Roussi) verliebt sich in Giorgio. So weit, so gut. Während Clara ihm die schmachtvollen Briefe schreibt, kann Fosca ihre Liebe nur in Besessenheit zum Ausdruck bringen. Eigentlich wollte er nur nett sein und ihr seine Bücher leihen, sie verfolgt ihn darauf hin, hängt wie eine Klette an ihm und treibt ihn damit in den Wahnsinn. Er schwankt zwischen Mitleid und Zurückweisung, wartet doch zu Hause seine Clara auf ihn. Nach der harten Zurückweisung wird Fosca noch kränker und der Arzt bittet Giorgio, sie ein letztes Mal zu besuchen und, zum Schein, auf ihren Liebeswahn einzugehen. Gleich muss er sich zu ihr ins Bett legen („Du sollst es bequem haben!“), ihr einen Brief schreiben („Bitte. Tu es für mich“) und schließlich sie küssen, „wie du deine Schwester Küsst“. Giorgio hat eigentlich keine Lust, macht aber aus Mitleid die Komödie mit und schreibt ihr schließlich sogar einen Liebesbrief, den sie ihm diktiert. Um der Kranken zu entgehen, will er 40 Tage in die Heimat reisen und Zeit mit Clara verbringen. So richtig läuft es mit Clara aber auch nicht, denn die kann nicht fort von ihrem Mann: Der kleine Sohn wird von ihr als Alibi benutzt, so weit reicht die Liebe doch nicht, erkennt auch Giorgio und macht Schluss. Wie sollte es anders sein, diese bedingungslose Liebe Foscas, die ihm offen sagt, dass sie für ihn sterben würde, ist für Giorgio schließlich das, was er immer suchte. Nicht die Leidenschaft im Verborgenen mit Clara, die viel zu vernünftig ist und nicht auf ihr Herz hört, sondern Foscas Liebe, Passion oder Besessenheit imponieren ihm. Eigentlich könnte jetzt alles so schön sein, das Paar ist vereint, Happy End. Leider nicht. Der Cousin Foscas, Oberst Ricci, findet den Brief, macht Giorgio Vorhalte, er hätte seine Cousine nur benutzt, weder Giorgio noch der Arzt können alles klar stellen. Das Liebespaar findet sich, eine romantische Nacht wird verbracht, doch am nächsten Morgen wartet das Duell mit Ricci, der die Ehre seiner Familie als beschmutzt ansieht. Es wird geschossen, keiner der Männer stirbt, doch Fosca erliegt 3 Tage später ihrer Krankheit. „Deine Liebe lebt in mir“ singt der traurige Hauptmann zum Schluss. Am Ende sind alle 3 Protagonisten im Unglück versunken. „Passion“ ist wirklich ein sehr gelungenes Musical, obwohl es kein klassisches Musical ist. Musik und Dialoge gehen ineinander über, sind nicht voneinander zu trennen und dadurch spannungsgeladen. Die Rolle der Clara wäre eigentlich nur eine Nebenrolle, hat sie doch am aktiven Geschehen in der Provinz keinen Anteil.  Doch die Briefe werden von ihr vorgelesen, meist lesen Giorgio und Clara die Briefe im Wechsel, als ob die miteinander reden würden. Das ist interessant, weil die Grenze zwischen beiden verschwindet. Clara steht neben Giorgio, beide berühren sich, singen zusammen und sind nicht richtig voneinander getrennt. Maike Switzer spielt die klassische schöne Frau, gibt jedoch ihrer Rolle sehr viel Tiefgang. Nicht nur Giorgio ist zerrissen zwischen 2 Frauen, Clara will  Giorgio und ihren Sohn, hat aber Angst den letzten Schritt zu machen. Besonders prägnant sind die Momente, in denen Clara über die Bühne läuft, sie liest seine Briefe laut vor, ist meist hübsch gekleidet und zieht die Blicke der Zuschauer auf sich. Marcus Günzel als Hauptmann macht seine Sache mehr als ordentlich. Giorgio ist ein leidenschaftlicher Mann, der die Liebe sucht, die bedingungslose Liebe, die er nur in Fosca findet. Das hin- und hergerissene verkörpert er glaubhaft, obwohl die Wandlung zu Fosca meiner Meinung nach zu schnell lief. Aber gut. Auf jeden Fall ist er ein Schauspieler, den man sich merken sollte. Umwerfend aber war Vasiliki Roussi, die die Fosca nicht spielte, sondern sie lebte. Als erstes überrascht ihre Körpergröße (sie ist kaum 1,60 m groß!), was der Rolle zusätzliche Glaubwürdigkeit gibt. Sie tippelt auf den Schuhen daher, immer in einem dunklen Kleid (das im Gegensatz zu den hellen Farben der Clara steht), hält sich an Stühlen fest, geht gebückt, spricht leise – man hat manches Mal das Gefühl, sie klappt gleich zusammen – dadurch kommt die rätselhafte Krankheit Foscas gut zum Ausdruck. Dagegen hat sie eine Stimmintensität und eine Bühnenpräsenz, die verzaubern. Zu Beginn denkt man, sie ist verrückt, klammert sie sich doch an Giorgio und bricht ganze 2 Mal auf der Bühne zusammen. Man weiß nicht so recht, ob man Fosca mögen oder sie bemittleiden soll. Leider gehen die Nebenrollen bei „Passion“ etwas unter. Allenfalls der Arzt oder Oberst Ricci bleiben im Gedächtnis, die anderen Militärmänner, die auch schöne Szenen hatten, beispielsweise ein Billard-Spiel, sind nur Randfiguren. Das Stück hat Längen, was in der Presse teilweise bemängelt wurde. Doch das ist meiner Meinung nach gar nicht so schlecht, denn sie geben  dem Zuschauer die Möglichkeit, kurz durchzuatmen und sich in dem Strudel der Leidenschaften, in den die Protagonisten geraten, nicht zu verlieren. Andererseits wird dadurch die erste Begegnung Fosca - Giorgio künstlich hinausgezögert. Alle im Saal wissen, dass beide sich begegnen, aber auf der Bühne wird derweil am Tisch gegessen und Kaffee getrunken. Die ganze Geschichte erinnert ein wenig an „WICKED - die Hexen von Oz“, wo ein Mann auch zwischen 2 Frauen steht. Passion erweitert das Ganze um die verschiedenen Definitionen der Liebe. Hier ist nicht der Kontrast „dummes hübsches Blondchen“ gegen „eloquente hässliche Dunkelhaarige“ im Vordergrund, sondern die unterschiedlichen Definitionen von Liebe. Auch mal was riskieren, bedingungslos lieben, das vermittelt das Stück. Sich fallen lassen, wider jede Vernunft. Das alles wird toll inszeniert. Eine Drehbühne sorgt für die Szenenwechsel, manchmal marschieren Soldaten über die Bühne, unkommentiert. Und die Ausstattung ist sehr schlicht: Keine schnörkeligen Requisiten, ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett und zwischendrin viel Gefühl. Das ist das einfache aber gute Rezept von „Passion“. Die Sächsische Zeitung meinte, „Mit Stephen Sondheims Musical macht Dresdens Staatsoperette alles richtig“(Ausgabe vom 31. Januar, Seite 22) und die Da Capo (Monatlich erscheinendes Magazin rund um Musical, Concert und Show) schreibt: „Die Staatsoperette Dresden hat hier eine wunderbar einfühlsame Inszenierung auf die Bühne gebracht“(Ausgabe 60, S. 16).  Zu recht. Das darf man wirklich nicht verpassen! http://www.staatsoperette-dresden.de/spielplan/repertoire/stueckansicht/stueck/passion-deutsche-erstauffuehrung/ Besetzung:
Fosca: Vasiliki Roussi
Clara: Maike Switzer
Giorgio: Marcus Günzel
Oberst Ricci: Gerd Wiemer
Leutnant Torasso: Hardy Brachmann
Doktor Tambourri: Hans-Jürgen Wiese
Feldwebel Lombardi (Koch): Dietrich Seydlitz
Leutnant Barri: Elmar Andree
Major Rizzolli: Herbert G. Adami
Gefreiter Augenti: Martin Gebhardt
Ludovic: Christoph Simon
Foscas Mutter: Tanja Höft / Annegret Reißmann
Geliebte: Inka Lange
Foscas Vater: Andreas Berg
Das Stück geht 2 Stunden ohne Pause.
Nächste Vorstellungen: 03.03.2011, 04.03.2011, 19.05.2011, 20.05.2011, 23.06.2011, 24.06.2011.

anja am 14.02.2011 bisher 2 Kommentare

2 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. stefan   15.02.2011

    2 stunden ohne pause ist natürlich ordentlich – aber sicherlich wäre es auch schade um den spannungsbogen wenn man zwischendurch ins foyer geht und dort ein schwätzchen hält.
    wie ist eigentlich das demographische publikumsgefüge in so einer aufführung?

    • anja   15.02.2011

      Demografisches Publikumsgefüge war durchwachsen…also durchaus keine Veranstaltung nur für Ältere! Habe auch viele Jugendliche ausgemachen können… Schön, dass sich so viele für Musical interessieren!

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