Entfesselte Schmuckstücke…

Das Thalia hat vor 2 Wochen einen tollen Film gezeigt, den (eigentlich) keiner kennt. "Die Entfesselten" wurde 1957 in Frankreich/Italien gedreht, lief bei uns aber weder im Kino noch im Fernsehen. Also ein ganz klarer Insider-Film. Dabei spielen Jean-Louis Trintignant und Catherine Deneuve mit! Der Film ist ab 18 und verspricht allein schon auf Grund seiner Genre-Einteilung "Thriller/Action" interessant zu werden. 30 der insgesamt 71 Plätze sind gefüllt, Filmliebhaber mit Bierchen und Popkorn sitzen in den herrlich durchgesessenen Kinoschemeln und dürfen sich, bevor das Spektakel startet, erst eine kurze Einführung anhören. Es ist nämlich kein Zufall, dass "Die Entfesselten" im Thalia läuft. Ein Mitarbeiter des Kölner Filmclubs 813 e.V. berichtet mit einer rauen Stimme und einem Bierchen in der Hand die kurze Vorgeschichte der Aufführung. Vor wenigen Tagen feierte der Filmclub seinen 20. Geburtstag (daher auch die raue Stimme!), der den Film schon zeigte. Es sollen wohl Fans extra aus Mainz angereist sein, um das Schmuckstück in Köln zu sehen. Die Vorfreude steigt, Mensch, dann muss der ja gut sein! Auf jeden Fall will die Thalia in Zukunft mit dem Filmclub 813 e.V. zusammen arbeiten und vielleicht eine ganze Reihe daraus machen. Filme, die nur wenige Leute kennen "auskramen" und auf die Leinwand bringen. Genug der Vorrede, nun zum Film. Knistern, Knirschen ist zu hören. Es wird tatsächlich eine Originalfilmrolle aus Privatbesitz verwendet. Gibt es sowas heute überhaupt noch? Puh. Das ist glaube ich das Erste, das den Besuchern durch den Kopf ging. Ein Familienvater samt Gattin und Tochter fährt in den Urlaub. Das Ganze spielt in Frankreich. Jedenfalls begegnen sie "Rockern" auf Motorrädern (einige Besucher fingen jetzt an zu lachen, denn das "obercoole Verhalten" der Rocker wäre heute nur noch endpeinlich!). Diese Rocker lassen an der nächsten Raststätte einige unflätige Äußerungen über die Gattin ab. Als man wieder ins Auto steigt (nicht ohne vorher den Rüpeln den ausgestrekcten Mittelfinger zu zeigen!), wird man jedoch von drei Rowdys verfolgt. Das Auto kommt ins Schleudern, rast in den Graben, man prügelt sich mit den Rockern und als der Familienvater wieder zu Bewusstsein kommt, sind Frau und Tochter vergewaltigt und ermordet worden. Puh. Von Trauer keine Spur wagt sich Trintignant  ins Abenteuer. Die nächste Frau zum Anbaggern ist schnell gefunden (ich glaube, es war die Schwägerin?!) und schließlich zieht er mit einer Wumme los, um die vermeintlichen Mörder zu stellen. Wenn ich dafür von Mainz nach Köln gefahren wäre, wäre ich enttäuscht gewesen. Nicht nur, dass der Film mir persönlich zu unlebensbejahend ist, er ist auch noch richtig dämlich an manchen Stellen. Kaum ist die Gattin unter der Erde, wird die Nächste flach gelegt, es folgt eine Gegenüberstellung mit mumaßlichen Motorradfahrern (die sich alleine dadurch unterscheiden, dass sie einen schwarzen Helm und verschiedenfarbige Kleidung tragen!), der Mann wirkt völlig ruhig. Schnell stellt sich die Frage: Warum räche ich mich, wenn mir das völlig egal ist? Die Frage, warum die Motorradfahrer sie verfolgten bleibt ebenso unklar wie die schließlich hahnebüchende Auflösung der Morde. Wie dem auch sei, das Ende wird natürlich nicht verraten. Möglicherweise läuft der Film bald  wieder mal in Dresden? Auf jeden Fall heißt es: Augen auf beim kulturellen Angebot Dresdens! Vielleicht stolpert man über einen alten Film, der als wahres Schmuckstück nicht einfach in den Schrank gehört, sondern auf die Leinwand muss!

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