warten…warten…warten…

Das ist das Motto vieler Tschechow-Werke. Langeweile. Warten. Geht man ins Theater, um Leuten beim "rumhängen" zuzusehen?! Klar! Gerade wird die "Möwe" im Schauspielhaus aufgeführt. Krach! Laute Musik, Singende und herumtobende Menschen - Hoppla, wo sind wir hier gelandet? In der "Möwe" von Tschechow natürlich! Russische Popmusik plärrt, die Leute tanzen, als wären sie auf Ecstasy. Ein Schuss. Alle bleiben stehen. "Was war das?" "Nichts." "Hach. Hab ich mich erschrocken." So beginnt und so endet die "Möwe". Grundsätzlich folgt vor Dramen, zumindest falls sie in der geschriebenen Fassung vorliegen, eine Einführung. Wer ist wer, wer ist die Tochter, Vater, Mutter, Schwippschwager fünften Grades ... alles das wird geklärt. In der Bühnenfassung erfolgt das nicht, sodass der Zuschauer bis zur Hälfte des ersten Aktes nicht weiß, wer eigentlich wer ist, wie diese Personen zusammen hängen und wer was eigentlich will. Findet er es heraus, wird es aber spannend. Sommer. Sommerhaus, auf dem Land. Die berühmte Schauspielerin Arkadina nebst Sohn, Bruder und Geliebten wollen sich etwas erholen. Es wird getanzt, Sohn Konstantin will etwas aufführen, eigentlich ist alles in Butter. Oberflächlich. Das Stück wird zum Fiasko, die Mutter ist eitel und egoistisch bis zum Geht-nicht-mehr, Eifersüchteleien, Missgunst, immer die gleichen Konflikte ... darum geht es hier. Um Menschen, um Figurenzeichnungen, sicherlich auch um Stereotypen, die klischeehaft dargestellt werden, aber oft genau den Nerv treffen. Eigentlich ist Konstantin (Kostja) in Nina verliebt, die Schauspielerin seines Stückes. Sie hat eher Augen für den Geliebten seiner Mutter. Bereits in der Hälfte des 1. Aktes kommt Kostja mit einem Gewehr auf die Bühne, schließt ein bisschen um sich. Er erkenne Nina nicht mehr, die krampfhaft eine tolle Schauspielerin werden will, obwohl ihr Talent bescheiden ist. Er fuchtelt mit der Wumme herum, schießt, schließlich fällt eine Möwe vom Himmel. "Hier, die habe ich für dich geschossen." Spätestens hier fragt sich der Zuschauer, ob Kostja noch ganz richtig ist. Er will Nina, um jeden Preis, ist dabei ein ganz Sensibler, der den Spott seiner Mutter nur schwer aushält. Dann gibt es auch noch Mascha, die Tochter des Gutsverwalters, die eigentlich in Kostja verliebt ist, am Ende jedoch den Lehrer wählt, der mit Jogginghose bekleidet daher getrottet kommt. Nach 1 Stunde 45 Minuten ist der erste Akt vorbei. Jahre später. Mascha und der Lehrer haben ein Kind. Er ist aber so interessant wie ein Stück Toastbrot. Das erkennt immer öfter auch Mascha. "Hätte ich dich doch nie getroffen!" Kostja ist inzwischen erfolgreicher Schriftsteller, aber einsam wie bisher. So richtig hat er Nina nie vergessen, als sie schließlich abermals kommt, versucht er sie zu gewinnen. Sie ist als Schauspielerin gescheitert, will aber nicht mit Kostja zusammen sein. Stattdessen will sie zurück zum Geliebten der Mutter. Kostja sieht keinen Ausweg mehr und erschießt sich. "Was war das?" "Nichts." "Hach. Hab ich mich erschrocken." Der zweite Akt dauert 45 Minuten. Puh. Leer war es auf der Bühne. 10 Leute, 10 Stühle. Sonst nichts. Mal ein bisschen Rauch beim Theaterstück, mal ein Blumenstrauß, eine ausgestopfte Möwe oder eine Gitarre. Ansonsten ist das Bühnenbild sehr ... leer. Das kommt den Schauspieren zu Gute. Allen voran brilliert Olivia Grigolli, die die Arkadina spielt. Sie rastet auf der Bühn richtig aus, brüllt herum, wirft sich pathetisch in die Arme des Geliebten oder beschimpft herablassend den Sohn. Sie spielt die oberflächliche Schauspielerin wunderbar. Als sich Kostja das erste Mal angeschossen hatte, da sitzen beide auf der Bühne, auf einem Koffer, denn eigentlich will man fahren. Kostja und Mutter. Er mit Verband. Aber so richtig reden beide nicht über das, was passierte. Seine Mutter setzt sich nicht zu ihm und sagt: "Das machst du mir nicht noch einmal." "Oder warum hast du versucht, dich umzubringen?" Sie redet von ihrem Geliebte, die Kostja auf den Tod nicht ausstehen kann. Die Figur der Mascha, die von Antje Trautmann gespielt wurde, bleibt ebenfalls im Gedächtnis. Sie ist auch eine ganz pathetische, singt russische Lieder oder nippt am Flachmann. Mascha will vor allem glücklich werden, sie stellt sich oft Fragen zum Lebenssinn. "Ich ziehe mein Leben hinter mir her wie eine endlose Schleppe." Das Melancholische bringt Antje Trautmann gut zum Ausdruck. Schließlich sei noch der Hauptdarsteller Konstantin (Benjamin Pauquet) erwähnt, der auch eine tragische Figur ist. Pauquet schafft es, den Konstantin in der Gratwanderung zwischen Wahnsinn und Sehnsucht glaubhaft darzustellen. Klar dauert das Ganze. Und Ende des ersten Aktes rutschen die Besucher auf den Stühlen umher, Uhren werden besehen und sich gefragt, wie lange wohl das Drama noch anhalten möge. Doch durch die zeitlichen Bezüge ließ sich die Aktaufteilung sicherlich anders nicht bewerkstelligen. Alles in allem ein tolles Stück! Sicherlich hätten die Kostüme schicker sein können, wer hier "Jane-Austen" Kostüme erwartet, wird mit Jogginghose und Lederjacke konfrontiert. Tschechow modern interpretiert - auf jeden Fall ein Besuch wert! http://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/premieren_urauffuehrungen/die_moewe/

Besetzung:

Irina Nikolajewna Arkadina, verheiratete Trepljowa, Schauspielerin: Olivia Grigolli Konstantin Gawrilowitsch Trepljow, Sohn der Irina Nikolajewna Arkadina, ein junger Mann: Benjamin Pauquet Pjotr Nikolajewitsch Sorin, Bruder der Irina Nikolajewna Arkadina: Albrecht Goette Nina Michailowna Sarjetschnaja, ein junges Mädchen, Tochter eines reichen Gutsbesitzers: Mila Dargies Ilja Afanasjewitsch Schamrajew, Leutnant a. D., Gutsverwalter bei Sorin: Lars Jung Polina Andrejewna, Frau des Ilja Afanasjewitsch Schamrajew: Hannelore Koch Mascha, Tochter des Ilja Afanasjewitsch Schamrajew: Antje Trautmann Boris Alexejewitsch Trigorin, Schriftsteller: Tom Quaas Jewgenij Sergejewitsch Dorn, Arzt: Holger Hübner Semjon Semjonowitsch Medwedjenko, Lehrer: Matthias Reichwald Weitere Termine: 25.2., 28.2., 10.3., 21.3., 02.04., 06.04.

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