Mister Wall, erklären Sie das bitte!

Vor allem leer ist es in der Kunsthalle im Lipsiusbau. Jeff Wall mit seiner Ausstellung „Transit“ ist hier zu sehen. Seltsam muten die Bilder an den Wänden an. Was ist das denn? Ein großes Photo, das mit Licht hinterlegt ist? Eine Photofolie? Plastik? Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus: Es ist ein Großbilddia im Leuchtkasten! Oder ein angeleuchteter Silbergelatineabzug. Aha.

Genau dieses wunderschöne Wort AHA wird den Besucher auch weiter durch die Ausstellung begleiten.

Das berühmteste und größte Bild Walls, das auch auf Flyern abgebildet ist, nennt sich „Restoration“. Darauf zu sehen sind Frauen, die etwas restaurieren. „Aha (da ist es schon wieder!), naja, moderne Kunst“, denkt sich jetzt der eine oder andere Betrachter. Warten wir es nur ab!

Meist bildet Wall Menschen ab. Ganz gewöhnliche Menschen. Da essen beispielsweise zwei aus einer Tüte, da werden Geschichten erzählt und Zimmermädchen verlassen ein Hotelzimmer. Schnell drängt sich die Frage auf: Was soll das? Das kann ich doch auch! Doch wer denkt, dass es nicht merk­würdiger geht, der kennt Jeff Wall nicht.

Besonders skurrile Bilder sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden. Der Ausstellungskatalog, der zur Ansicht bereitliegt, gibt zunächst einige Hintergrundinformationen für den verwirrten Besucher. „Eindringliche physische Präsenz“ hätten die Bilder. Aha, denkt sich der Besucher. Die „Unmittel­barkeit der Erfahrung“ sind genauso prägend für die Bilder, wie der „greifbare Realismus“. Damit sind ja dann wohl die beiden mit der Tüte gemeint. „Alltägliche Erfahrungen“ thematisieren die Bilder (schon wieder die Tüte!) und außerdem (jetzt kommts!) seien die „fragwürdigen Spuren menschlichen Handelns“ dargestellt. Aha. Wusste der Besucher vorher wenig, weiß er jetzt gar nichts mehr. Gut. Weiter Bilder schauen.

„Transit“ heißt die Ausstellung. Wer da an Reise oder Zug oder Visum oder was auch immer dachte: Falsch! Moderne Kunst, Leute! Das wäre zu offensichtlich gewesen. Nein, worum es Mister Wall geht, das ist der Transit zwischen Natur und Mensch. Oder Tradition und Moderne. So genau wird das nicht ersichtlich, da es keinen einführenden Ausstellungstext gibt. Der Besucher ist ratlos und zweifelt, was denn noch folgen mag. Falls er nicht schon die Ausstellung verlassen hat. Was schade wäre, denn ansonsten würde er einige gute Bilder und die Gelegenheit, vielleicht doch noch alles zu verstehen, verpassen.

„Insomnia“ ist ein tolles Bild. Eine Küche. Grüne Möbel. Ein leerer Tisch. Ein Stuhl. Und mittendrin, quasi unter Tisch und Stuhl liegend, ein Mann im Schlafanzug. „Okay“, denkt sich der Betrachter. Ist er tot? Ohnmächtig? Niedergeschlagen? Liegt ja nahe. Ach so: der hat die Augen offen. Also doch tot. Ganz falsch, sagt uns der Text im Ausstellungskatalog. Der Mann hat keinen Pyjama an, sondern eine Stoffhose. Aha. Und außerdem ist er nicht tot, auch nicht ohnmächtig oder niedergeschlagen. Nein, er liegt da. Einfach so. Denn ein Drittel aller Amerikaner haben Einschlaf- oder Durchschlaf­probleme. Das wird „insomnia“ genannt (haben wir wieder etwas gelernt!). Aber das ist noch nicht alles. Warum geht er nicht ins Bett, ist die Hauptfrage. Er wirkt außerdem verkrampft und erschöpft. Die Szene drückt Leere aus, kein Weg führt ins Freie, eine unheimliche Szene, die die Isolation des Menschen darstellt. Außerdem (Achtung!) stehen zwei Schranktüren offen. Und was drückt das aus? Richtig! Es ist etwas geschehen. Doch man weiß nicht, was. Aha (Der Betrachter findet an dieser Stelle seine Interpretation mit dem Tod besser, denn die ist wenigstens einleuchtend).

Doch es geht auch romantisch! „Tatoos and shadows“ heißt ein Bild. Darauf zu sehen sind 3 Menschen in einem Garten, die sitzen unter Birken. Und sind teilweise tätowiert. Ein Mann und zwei Frauen. Was machen die da? Vögel beobachten? Chillen? Nein! Auch hier hilft der Katalog. Jenseits des Zaunes –   alle drei sitzen vor einem Zaun – deutet sich eine Vorstadt an. Aha. Der Raum wird zur Bühne. Auch gut. Aber ein Gesicht, das des mittleren Mädchens, wirkt verliebt. Sie schaut in die Ferne. Trotz Nähe sitzen alle drei belanglos nebeneinander. Es gibt keine Kommunikation. Und vielleicht hat der Mann den Mädels was vorgelesen und alle denken über die Worte nach. Unglaublich, was man in so ein Bild alles hineininterpretieren kann!

„Mohnblumen in einem Garten“ ist ebenfalls ein gewöhnungsbedürftiges Werk. Unfassbar, was man da sieht. Ihr werdet es kaum glauben… es sind: Mohnblumen in einem Garten! Juhu! Manchmal kann Kunst so einfach sein!

Auch an „Holzstämme“ darf man nicht vorbeigehen. Es hängt neben der Treppe. Auf dem Bild sind dargestellt: Holzstämme! Klasse! Oder eher: Aha. Schön. Aber damit nicht genug. Diese Holzstämme liegen neben einem Betonblock. Das ist wichtig! Das Ganze ist nämlich ein Stillleben, das eine starke inhaltliche Lesart hat. Soso. Und die räumliche Komplexität benennt Gegenständliches. Genau! Das dachte sich der Betrachter natürlich gleich. Ebenso offensichtlich ist auch das Aufeinandertreffen zwischen zwei Sphären, nämlich der organischen Sphäre (Holz) und der anorganischen Sphäre (Beton). Gut. Was genau das jetzt aussagen soll, ist immer noch nicht klar, aber die räumliche Komplexität haut erst mal rein.

Es könnte unendlich so weitergehen. Da werden Waschbecken gezeigt, Rohröffnungen, Türen oder Mieter eines Hauses. Auch ein Küstenmotiv ist mit dabei. Aha.

Zu Walls Verteidigung sei jedoch auch etwas gesagt. Interessant ist die Ausstellungsart der Bilder. Die Photofolie, wie es auf den ersten Blick scheint, ist echt ungewöhnlich. Wie macht man denn so ein großes Dia? Oder deinen Silbergelatineabzug? (Wer nicht weiß, um was es sich bei letzterem handelt, dem sei ein Blick in das Internet empfohlen, da wird das gut beschrieben: http://www.wer-weiss-was.de/theme90/article5242295.html). Irgendwie wirken die Bilder dadurch räumlich. Plastisch. So als hätten sie eine dritte Dimension. Das sollte echt jeder mal selbst gesehen haben!

Jeff Wall gilt als einer der berühmtesten zeitgenössischen Fotografen, schon allein um in der „Szene“ mitzureden, muss man da gewesen sein. Und ob ihrs glaubt oder nicht: Alle Bilder sind arrangiert. Das ist seltsam, sehen sie doch so zufällig aus. Zwei, die aus einer Tüte essen, das könnte jeden Tag viele Male irgendwo auf der Welt aufgenommen werden. Und Mister Wall inszeniert das. Dabei sind sicher auch die Hintergründe, die Umgebungen wichtig. Deswegen wird auch so viel in die Bilder hineininterpretiert. Alles in allem sicher eine spannende Sache. Nur die Botschaft am Ende ist nicht klar.

Was der Betrachter mitnimmt, wenn er die Ausstellung verlässt? Keine Ahnung. Verwirrung. Ratlosigkeit. Schöne Bilder. Keine Erklärungen. Moderne Kunst eben. Aber auf jeden Fall etwas, was man gesehen haben sollte. Nur wird sehr wenig erklärt. Und wenn sich die Bilder nicht selbst erklären, braucht man Hilfe. Also, Mister Wall, kommen Sie doch bitte und erklären Sie, was das denn nun war. Damit wir Sie und Sie uns und wir uns, also jeder sich selbst, besser versteht. Vielen Dank.

Die Ausstellung ist noch bis zum 19. September in der Kunsthalle zu sehen.

http://www.skd.museum/de/sonderausstellungen/jeff-wall-transit/index.html


anja am 13.08.2010 bisher 3 Kommentare

3 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. styleDD   13.08.2010

    grad gebloggt: Mister Wall, erklären Sie das bitte!: http://tinyurl.com/3a77g87 #dresden

    This comment was originally posted on Twitter

  2. derDaniel   13.08.2010

    großartiger Text. Hab gestern euren Blog entdeckt und erfreue mich schon jetzt, dass es einer der angenehmsten Dresdner Blogs werden könnte. Sehr ähnlich habe ich mich in der Ausstellung gefühlt :)

    • anja   15.08.2010

      Da freut sich die Besucherin, dass es auch anderen so ergangen ist=)

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